Islam und Psychologie

In einem Artikel über das Management von Non-Profit Organisationen beschreibt Joan Garry fünf Säulen, die sie als essentiell für eine stabile Organisation bezeichnet.1

1. Menschen

Hier liegt natürlich der Kern der Organisation, ohne Menschen gibt es sie nicht, wenn Menschen in der Organisation arbeiten, sollten wir uns vorstellen, wir hätten den größten Spender vor uns stehen, der gerade ein Jahresgehalt einer Vollzeitkraft gespendet hat (z.B. 80 000EUR) nun sollten wir dieser Person ohne zu zwinkern in die Augen schauen und ihr sagen können, dass das Geld bestens investiert ist.

Die andere Frage: Wer ist mit im Boot, auch hier wieder einer Imaginationsübung, es gibt drei Gruppen von Leuten mit im Boot,

  1. die besten, du würdest merken, wenn sie nicht mehr dabei wären und zwar schmerzlich
  2. die schlechtesten, die, falls du sie los wirst eine Erleichterung wären, und ansonsten eher Ballast
  3. alle anderen, die sich nicht klar einordnen lassen

Der Vorschlag von Joan ist hier, sich auf die dritte Gruppe zu fokussieren, schauen, ob sie zu den besten werden können durch fremdmotivierende Maßnahmen.

2. Programme

auch hier stellt sie zwei Fragen:

  1. sind sie essentiell oder zentral für die Mission der Organisation?
  2. zeigen sie klar messbaren Einfluss

Hier ist der Rat: Nicht dem Geld folgen, oder an alten Programmen hängen, sondern sich darauf fokussieren was zentral für die Aufgabe ist, die erledigt werden soll.

3. Geld

Auch hier wieder eine Imaginationsübung: Stell dir vor, dass du einem Heranwachsenden (zum Beispiel deine 17-jährige Lieblingsnichte) innerhalb eines Sommers den Umgang mit Geld beibringen sollst, wie würdest du da herangehen, ihr oder ihm das zu zeigen? Joan meint, dass diese Übung uns helfen wird, bei der nächsten Versammlung die richtigen Fragen an den Vorstand zu stellen.

4. Strategie

Wir hatten diese Kopfstandmethode auch in einer Klausurtagung genutzt, zumindest sehr ähnlich: "Wenn deine organisation von der Festplatte der Gesellschaft gelöscht würde, welche Lücke würde entstehen und wer würde sie füllen?"

5. Narrativ

Letztens, aber nicht zuletzt muss eine Geschichte über die anderen vier Punkte erzählt werden. Jeder, wirklich jeder sollte in der Lage sein, über deine Organisation in einer Weise zu sprechen die begeistert, die klar ist und umfassend informiert.
Wieder ein Spiel, diesmal nicht imaginär, sondern real: Erkläre einem zehnjährigen Kind die Organisation, schau ob es das versteht, welche Fragen es fragt, und nutze diese um die Erklärung zu verbessern.
Die Erweiterung und der wichtigste Teil ist: Erzähle diese Geschichte so, dass das Kind sie nicht nur behält, sondern auch einem Freund erzählen möchte.

Vom Management zur Psychologie

Die Bedeutung für ein konkretes Projekt. Durch eine Klausurtagung mit einer Verhaltens- und Kommunikationstrainerin und Wirtschaftsingeneurin 2 haben wir einige der oben beschriebenen fünf Punkte, zwar von einer anderen Seite betrachtet, aber auch hier ging es natürlich um Menschen, um Programme, um Geld, um Strategien und um die Geschichte, die der Verein zu erzählen hat.

Was erwarten die Teilnehmenden von der Klausurtagung?

Die erhofften Ziele der Klausurtagung verfassten die Teilnehmer selbst, schrieben sie auf Kärtchen und wir sammelten sie ungefähr nach Gruppen, (wobei die Kärtchen oft mehrere Dinge umfassten, die nicht genau in eine Richtung passten, was jetzt hier neu auf dieser Seite ist, dass ich versucht habe die Wünsche auch den fünf Säulen von Joan Garry zuzuordnen, auch hier nur ungefähr, aber dieses Chunking hilft hoffentlich, die Ziele besser zusammenzubringen. Es ist auf jeden Fall unperfekt, diese von mir vorgenommene Sortierung.

Menschen
  • engagierte Menschen gewinnen
  • Wir kennen unsere gegenseitigen Stärken,
  • von Kompetenzen einen Nutzen ziehen
  • konstruktiver Austausch
  • Wir möchten intensiver zusammenarbeiten
  • Motivation und Energie für neues,
  • Wir sind hochmotiviert
Programme
  • konkrete Vereinbarungen / Planungen / zukünftige Strukturen,
  • Gute und klare Arbeitsaufteilung
  • umsetzbare Ideen,
  • Inspiration,
  • von der Breite ins Konkrete
  • Aktion,
Geld
  • Machbarkeit,
  • Wie verbessern wir unsere Professionalität
  • Finanzen,
Strategie
  • Persönliche und Institutionelle Ziele,
  • Wir entscheiden klare nächste Schritte,
  • Gute Ideen , umsetzbare Ideen und Ziele,
  • klare Strukturen und Ziele formulieren,
  • Meilensteine benennen und festlegen,
Narrativ
  • Überblick zu den Zielsetzungen
  • Struktur (Verein, Kommunikation, Machbarkeit)
  • Mitglieder und Ziele von IASE kennenlernen
  • eine gemeinsame Vision

Die fünf Säulen

Für viele Zwecke wird eine Sortierung in fünf Gruppen hilfreich erachtet, die Möglichkeit zum Beispiel jede der fünf Gruppen, einem Finger zuzuordnen, hilft uns, wichtige Punkte zu behalten, für Muslime sind die fünf Säulen mit den Riten im Islam verknüpft und ich möchte hier am Beispiel der Religionsgründung als einer Non-Profit Organisation schauen, ob diese fünf Säulen von Joan Garry auch bei der Gründung im Islam beachtet wurden.3

1. Shahada - das Zeugnis4

Zuerst einmal ist auffällig, dass die erste Säule bei Garry der Mensch ist, im Islam zeigt die erste Säule auf Gott als den Schöpfer und im zweiten Teil auf den Propheten als einen Mensch, der befähigt ist, die Botschaft zu empfangen und weiterzugeben. Der Umgang mit den Menschen ist hier vor allem von Toleranz und Akzeptanz geprägt, in der Blütezeit des anfänglichen Islam gab es (im Narrativ der Muslime) einen sehr barmherzigen Umgang mit den Gefährten, es waren ehemalige Sklaven aus Zentralafrika, und reiche Frauen und Männer unterschiedlichster Herkunft dabei. Stärken wurden sehr zielgenau eingesetzt, es wurden jedoch nicht die Minderleister ausgegrenzt oder abgestoßen, im Gegenteil, so wie auch im frühen Christentum war die Stärke des Islam, dass jeder einfach mitmachen konnte, Schwache wurden von Stärkeren mitgezogen und es wurden sehr viele motiviert. Warum? Vielleicht weil aus der Perspektive der Metaebene (von ALLAH) ausgehend alle Menschen als unfassbar klein erlebt, dies ist schon im Gebetsruf "Allāhu akbar... ( الله أكبر) "5 deutlich, in dem viermalig zu Beginn das ALLAHu akbar (ALLAH ist größer (der/die/das Größte ohne Begrenzung und Vergleich)) und dann noch zweimal am Ende vor der Schahada ( لا إله إلا الله Lā ilāha illā llāh) ausgerufen wird. Somit tritt der Mensch als im Vergleich zur räumlichen und zeitlichen Unendlichkeit einerseits in den Hintergrund, ist aber als Gemeinschaft auf der anderen Seite und in seinem Handeln andererseits befähigt sich zu dieser Ewigkeit hin zu bewegen.

2. Salat - das rituelle Gebet6

Das Programm des Islam ist die Verbindung zum Schöpfer unter Einsatz des ganzen Körpers, entsprechend ist das Ritual, das rituelle Gebet fünfmal täglich auch Hauptprogramm für die Muslime, es eint und strukturiert den Tag, fokussiert aber auch immer wieder vom alltäglichen, von der Beschäftigung damit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen zurück zum ewigen, zu einem höheren gemeinsamen Ziel, das jenseits liegt. Dem Gebet der Muslime sind viele Dinge des Alltags untergeordnet, zum Beispiel die Arbeitszeiten, die Essenszeiten, die Schlafenszeiten, aber auch die Notwendigkeit der Alkoholabstinenz, dies ist eine Parallele zu dem obigen Programm von Garry, wo priorisiert werden muss, was die zentrale Mission oder Vision stützt.

3. Zakat - die Abgabe7

Hier, wie schon bei Garry im dritten Punkt geht es um Geld, während es in einer gewöhnlichen Non-Profit Organisation ja vornehmlich um die Spendeneinnahme geht, also die Gewinnung von Mitgliedern oder zahlenden Spendern, ist die dritte Säule im Islam die Abgabe an bedürftige Menschen, zum einen, als Motivation um auch zum Islam dazugehören zu wollen, zum anderen auch als Erleichterung der Verschiedensten Situationen in die Menschen geraten (Reisende zum Beispiel durften Zakat empfangen) so führte dieses Verteilen von Geld durch die Muslime an Arme, Reisende oder um unentschlossene zu Überzeugen, zu der größten Ressource: mehr Mitglieder. Aber auch zu einer entwickelten Infrastruktur aus Universitäten, Schulen, Krankenhäusern, Bewässerungssystemen etc

4. Saum - das Fasten als Verzicht während des Tages8

Wenn dein Magen, mindestens einen Monat lang im Jahr, tagsüber nicht gefüllt wird, welche Gefühle entstehen dann, und wie wird diese Leere gefüllt im Tag? Analog zu dem Beispiel der Imagination die Joan Garry oben vorschlägt führt auch die Beschäftigung mit dem Essen während eines Fastentages zu anderen Einsichten und zu einer Fokussierung auf das wesentliche, in der Frühzeit des Islam, so das Narrativ der Muslime, waren die Muslime diejenigen, die die Gerechtigkeit auf der arabischen Halbinsel umsetzten und Frauen, alten Menschen, Kindern, Sklaven etc Rechte zusprachen, die sonst niemand diesen Gruppen zusprach.

5. Hajj - die große Pilgerfahrt910

Das wohl bedeutendste Narrativ der Muslime ist die Berufung auf den Stammvater der Religion Abraham / Ibrahim, der laut der muslimischen Quellen den Monotheismus entwickelte und nur zu ALLAH betete (Arafat) oder als Prophet von ALLAH anbefohlen bekam, in Mekkah seine Frau und seinen kleinen Sohn Ismailverließ. Die Mutter die zwischen zwei Hügeln Safa und Marwa hin - und herlief bis eine Quelle unter Ismails Füßen aufbrach (ZamZam). Genau wie der Tempel König Davids und die damit verknüpfte Geschichte, ist die mit der Kaaba verknüpfte Geschichte das wohl stärkste Narrativ der Muslime, welches durch etwa zwei Millionen Muslime jedes Jahr wiederholt wird, als einendes Narrativ.

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